RSS 2.0 twitter facebook
Vous êtes ici : Startseite » Presseschau » Gefühlte Grenzen

Gefühlte Grenzen

D 19. Oktober 2015     H 14:25     A Martin Rass     C 0 messages


agrandir

Deutsches TV

Deutsches TV, Angela Merkel und das Flüchtlingsdrama

Von den Diskussionen im deutschen Fernsehen zum Flüchtlingsthema wird kaum ein Text in Erinnerung bleiben, das Bild der Bundeskanzlerin aber, wie sie ein weinendes Flüchtlingsmädchen tröstet, geht derzeit um die Welt. Ist das nun gut oder schlecht? Was das Mädchen Reem anbelangt, sah die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz am folgenden Tag «gute Chancen», dass die vierzehnjährige Palästinenserin, die seit knapp vier Jahren mit ihrer Familie in Rostock lebt, in Deutschland bleiben dürfe.

Was wiederum die in den Medien gerne der Gefühlskälte bezichtigte Mutter der Nation angeht, war der über sie niedergegangene Shitstorm von subtiler Bösartigkeit – nicht nur in den emotional aufgeladenen Sphären der sozialen Netzwerke. Die «Süddeutsche Zeitung» gab die Stimmungslage vor, indem sie rasch ventilierte: «Wie die Kanzlerin ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen bringt». Andernorts wurden gar «Politiker mit mehr Gespür» wie Silvio Berlusconi herbeigeredet, der das schluchzende Mädchen notfalls eben mit einem unseriösen Versprechen getröstet hätte (Online-Magazin «Vice»). Wenn noch zu beweisen gewesen wäre, dass beim Blick auf Frauen in hohen Ämtern das Unterste zuoberst gekehrt wird, dann haben wir es damit hoffentlich erledigt.

Katastrophen und Zuspitzungen

Katastrophen und Zuspitzungen

Die eigentliche Frage aber ist, wie die deutsche Öffentlichkeit auf die Herausforderung des Flüchtlingsproblems reagieren soll und wie die Medien mit dieser moralischen Herausforderung umgehen. Das Getöse um die nun auch wieder nicht recht gewesene Zuwendung von Frau Merkel ist Ausdruck der Ratlosigkeit zwischen negativer Sicht auf Ausländer («Pegida») und falsch verstandenem Gutmenschentum. Wo die Talkshows der öffentlichrechtlichen Sender in den vergangenen Monaten immer erst auf grosse Katastrophen wie den Untergang von Flüchtlingsbooten mit Hunderten von Toten reagierten, wurden Meinungen zugespitzt dank geladenen Journalisten wie Heribert Prantl auf der einen Seite («Europa tötet») und Roger Köppel auf der anderen, der im deutschen TV so gerne gesehen ist, weil er – auch wahre – Stichworte liefert, mit denen man sich als Deutscher aus historischen Gründen aber nicht profiliert. («Es ist eigentlich tragisch, dass sie einen Schweizer einladen mussten, um diese Position zu vertreten.»)

Kurzum, es geht um Quoten, und die erreicht man naturgemäss mit «politischer Alarmstimmung» («FAZ») besser als mit sachlicher Auseinandersetzung. Die Medienschelte von vergangener Woche führt diesen Missstand noch einmal deutlich vor Augen, wo der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Begegnung von Merkel mit Reem Sahwil von insgesamt über dreizehn Minuten auf nicht einmal zweieinhalb zusammenschnitt – das billigste Mittel filmischer Manipulation, möchte man sich mal schnell in Häme ergiessen darüber, wie Politiker von der Realität eingeholt werden im Dialog mit Bürgern.

Der NDR veröffentlichte schliesslich aufgrund von Kritik den ganzen Film über die Begegnung mit Reems Schulklasse, in der die Kanzlerin ausführlich über die Integrationsproblematik und über die Ursachen von Flüchtlingsströmen wie Bürgerkriege spricht. Aber da waren die Meinungen über die kaltherzige Regierungschefin schon gemacht. Dabei legte die Politikerin eine der schwersten Fragen, mit denen sich unsere Gesellschaft derzeit zu beschäftigen hat, differenziert und plausibel dar und formulierte das Dilemma, eine Willkommenskultur etablieren zu wollen bei gleichzeitiger Notwendigkeit, manche Asylbewerber wegschicken zu müssen. Integration in diesem Land bedeute eben mehr, als die Menschen in Flüchtlingslagern zusammenzupferchen wie jenem in Libanon, dem Reems Familie entflohen ist.

Das Bild vom Asylbewerber

Das Bild vom Asylbewerber

Angela Merkel tappte übrigens keineswegs in die von manchen nun gerne kolportierte «Realitäts-Falle», sondern ging bewusst in dieses Gespräch hinein, indem sie das Mädchen fragte: «Also, ihr habt keinen genehmigten Asylantrag?», als dieses von seiner Herkunft erzählte.

Der kurze NDR-Beitrag zeigt all das nicht, weil er schlicht und ergreifend Vorurteile bedienen will. Möchte man ihm dennoch etwas Gutes abgewinnen, dann allenfalls, dass er die intellektuellen Grenzen eines Empörungsjournalismus belegt, der im Versuch, eine Politikerin in Misskredit zu bringen, eine junge Palästinenserin missbraucht. Deren Schilderungen hätten nämlich einiges zum Verständnis der schwierigen Situation von Asylbewerbern beigetragen, wäre nicht auch hier empfindlich gekürzt worden. Denn woher haben die meisten Leute, die nie in ihrem Leben direkt mit Asylbewerbern in Kontakt kommen, ihr Bild von diesen, wenn nicht aus dem öffentlichrechtlichen Fernsehen? Darüber sollte die NDR-Redaktion vielleicht einmal nachdenken.


Online ansehen : Gefühlte Grenzen