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Mondtag oder Brenntag

D 1. März 2011     H 23:42     A Martin Rass     C 0 messages


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Mondtag

Mondtag

Mondtag, ein Film von Haro Senft, erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das es leid hat, seine Eltern wegen irgendwelchen Nebensächlichkeiten streiten zu hören. Denn hören ist schlimmer als sehen, am Ende nimmt das Trommelfell Schaden.
Also beschießt sie, ihre streitenden Eltern links liegen zu lassen und auf gut Glück loszulaufen. Unterwegs passieren ihr eine Menge verrückter Sachen, aus einem unangenehmen Montag wird ein verzauberter Mondtag ; genau das, was sich auch Erwachsene zuweilen wünschen, aber meist nicht umsetzen [1]
Bloß möchte unser Mädchen wie alle Kinder irgendwann wieder nach Hause, ganz gleich, was sie dort erwartet. Immerhin haben die Erwachsenen inzwischen vielleicht ausgestreitet, machen sich eventuell Sorgen, sind schon auf der Suche und werden sie mit offenen Armen und von Tränen geröteten Wangen empfangen, um ihr dann alle ihre Wünsche von den Augen abzulesen. Aber alles kommt anders. Statt mit einem Happy End endet der Film nur mit einer verschlossenen Tür und einem ratlosen Kind.

Polly Jean Harvey - Written from the forehand

Den Waisenkindern ähnelnd, die PJ Harvey in Glorious Land besingt, aber auch dem "Rette-sich-wer-kann-denn-alles-brennt" in Written from the forehand. Anlässe gibt es außer streitenden Eltern sowieso genug, wegzurennen, sich in Sicherheit zu bringen, wenn es diese auch nirgendwo gibt und man dann immer wieder umdreht, um zum vertrauten Horror zurückzukehren.

Brenntag

Brenntag

Bei Michael Stavarič brennt die Siedlung, Konsequenz einer Tradition, die ausgeufert ist, außer Kontrolle gerät. Erinnere mich, wie ich früher gerne mit dem Feuer gespielt habe und schließlich auch die Grenzen ausloten wollte, in denen man das Feuer noch in der Hand hat, bzw. wo es sich nicht mehr bezwingen lassen will. Habe das an einem vertrockneten Wachholderbaum getestet, dessen Zweige so schön knisterten. Was ist schon Feuer ohne das dazugehörende Geräusch? Doch schon bald brannte nicht mehr nur ein Zweig, dessen Feuer ich immer wieder auslöschte, um es anschließend neu zu entzünden. Der ganze Baum fing Feuer und brannte lichterloh, und ich stand wie gelähmt davor. Schließlich entriss mir mein wütender Vater meinen Traum, stieß mich gewaltsam weg und löschte den Brand mit einer Pferdedecke.
Im Roman beschließen die Siedler, statt ihre Behausungen wieder aufzubauen, alle, bzw. nachdem sie der Onkel des jugendlichen Erzählers mit allerlei Versprechungen und Fabeln dazu überredet, in den stillgelegten Minen zu überwintern und den Wiederaufbau auf den Frühling zu verschieben.
Der Onkel ist ein sehr guter Geschichtenerzähler und sein Neffe steht ebenfalls unter seinem Zauber, selbst wenn er sich nie richtig über die Tragweite dieser Geschichten im Klaren, noch sicher ist, ob es auch stimmt, oder ob er sich das nicht einfach alles nur einbildet.

"Als Kind habe ich mir immer gedacht, diese und ähnliche Geschichten in meinem Kopf müssten irgendwo ihren Ursprung haben… Ich stellte mir vor, wenn zu Hause der Regen auf das Fensterbrett (ob Schnürl- oder Platzregen, ganz egal) trommelte, dass dort irgendwer mithilfe der abertausenden Wassertropfen auf einer unsichtbaren Maschine schrieb, jeder Tropfen war ein Anschlag, ein Buchstabe, vielleicht sogar ein Wort, und ich wollte unbedingt diesen Geschichten lauschen. Sie erzählten von der Möglichkeit, die Welt zu gestalten, sie für sich zu erschließen und das Leben als endlose Spielwiese zu betrachten.
Erst viel später musste ich erfahren, dass man nicht allen Geschichten Glauben schenken darf und dass sie manchmal nur deshalb erzählt werden, um uns in die Irre zu führen."

So findet sich der Erzähler am Ende allein in einem der weitverzweigten Stollen, weil die anderen Kinder, die mit ihm vom Onkel auf Wassersuche geschickt worden waren, ihn dafür verantwortlich machen, dass sie keins finden und sich dazu noch verirrt haben. Ihm bleibt nur die schwächste Taschenlampe, die bald ebenfalls erlöschen wird, so dass er sich im Dunkeln weitertastet.

"Ich stellte mir vor, wie damals die Erde nachgegeben hatte und das Wasser abgeflossen war (oder einfach nur verdunstet) und der See später in der Höhle eingeschlossen wurde, weil Steine und Flechten das Firmament überwucherten… Er trocknete einfach aus bis auf den letzten Tropfen. Vielleicht hatte man damals noch versucht, den See aufzufüllen? Bäche eingeleitet oder auf Wolkenbrüche gehofft, möglicherweise hatte man ihn auch mutwillig eingeschlossen, sich seines Platzes bemächtigen wollen, der Menschen und Fische, die kurz mal in Ufernähe eingenickt waren, um später aus ihren Träumen gerissen zu werden.

Sie bewohnten fortan die Unterwelt, vielleicht nahmen sie ihr Schicksal tatsächlich an, weil sie Rückschläge nicht schreckten, möglicherweise versuchten sie, ihr Los auch zu meistern, und gründeten neue Siedlungen oder lebten fortan in alten Erinnerungen. Die meisten starben wohl gleich an Ort und Stelle, und ihre Seelen bleiben im Fels gebunden, sie sammelten sich um leuchtende Pfade und Feuer, die nach und nach wie sie erloschen. Mag sein, einige irrten noch eine Weile wie längst vergessene Risse durch die Eingeweide der Berge, bestimmt gewöhnten sie sich an ihr Flüstern, vielleicht gewöhnten sich ihre Augen irgendwann sogar an die Dunkelheit.

Ich meinte plötzlich, von strahlendem Licht umgeben zu sein… Die Feuer der Brenntage reichten scheinbar bis zu jedem noch so fernen Hohlraum im Fels, die Gerippe brannten wie Zunder, und die alten Schiffe taten es ihnen nach, zurück blieben bestenfalls versteinerte Schalentiere. Ich hob sie auf und besah sie im Widerschein fluoreszierender Augenpaare, gewiss waren sie nicht von dieser Welt und wollten mir nichts Böses, nichts anderes wollte ich glauben. Diese Höhle war das schönste, das ich je gesehen hatte (...)

Ich stellte mir vor, wie ich völlig unschuldig (und versehentlich) in die Unterwelt geriet und lange Zeit einen Weg suchte, aus dieser zu entkommen. Ich stellte mir weiter vor, wie es misslang und wie das Wasser immer weniger wurde oder wie es in manchen Minengängen immer höher stieg, bis es schließlich kein Zurück mehr gab und man nur noch darauf wartete, selbst zu Stein zu erstarren." [2]

Und bestimmt gewöhnte man sich an ihr Flüstern und irgendwann auch an die Dunkelheit.


[1die Tradition des blauen Montags stammt aus längst vergangenen Zeiten, als die Fabrikbesitzer versuchten, ihre ausbleibenden Arbeiter mit der Polizei an die Arbeit zurückzuholen und es schließlich aufgaben, die armen arbeiteten ja schon rund um die Uhr und nahmen sich am Montag nur das, was ihnen die Profiteure der unbezahlten Arbeit (s. Marx) nicht zugestanden. Man ist ja schließlich kein Unmensch. Otar Iosselani hat daraus eine schöne Filmfabel gemacht und Otto Karl, der sich selbst postmoderner Realphilosoph nennt, eine Kurzmontage daraus gemixt.

[2Eine längere Leseprobe vom Romananfang gibt es beim Beck Verlag

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15. März – Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - mal was anderes

21. März 2012 – Valie Export : Unsichtbare Gegner

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